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Folgen 565 und 566

 Während die "digitale Metaphysik" noch immer Entwurf bleibt, weil meine Ausführungen wortreich und exzessiv, wie es sich für Metaphysik gehört, wachsen und wachsen und keineswegs, wie die Dissertation des Herrn Niklas Hardenberg vom Seiendsein des Nicht-Seienden handeln, stelle ich auch erschrocken fest, dass ich unbedingt die Folgen 565 und 566 rückwirkend öffentlich wiederholen muss, legt sich doch da eine schwerwiegende tödliche Tat im Kongo zwischen Marianne Annieux und Alfred Ross, zumal in der Folge 564 etwas kosmisch und etwas metaphysisch schon Folgendes erzählt worden war:

 

Die lange andauernde Fahrt hatte ihn beruhigt, Ross hatte sich der Situation und ihren Anstrengungen, an die holprige Strecke, ihr langsames Vorankommen, an die Hitze angepasst. Das machte die Reise mit ihm auch für die Inspektorin leicht und angenehm, auch wenn sie gerne gewusst hätte, ob und vor wem sie auf der Flucht waren. Aber mit Rebellen war nicht zu spaßen. Das Gesetz der kosmischen Anziehung besagt, wenn es denn zutrifft, dass die Dinge, die man innerlich stark visioniert, seien sie negativ und beängstigend oder positiv und wünschenswert, angezogen werden und eintreten; das habe etwas mit Energiefeldern zu tun und was man aussende an Visionen, kehre als Wirklichkeit manifestiert zu einem zurück. Marianne hätte dies nicht unterschrieben und eher skeptisch im Raum stehen lassen. Sie mochte keine metaphysischen Diskussionen über Dinge, die Menschen glaubten, annehmen zu müssen und wild darüber spekulierten und sie mit schlagkräftigen Argumenten so verteidigten, als könnten sie sie dadurch schon faktisch realisieren. Ein stichhaltiger Beweis, dass es einen Gott geben muss, musste doch zwangsläufig die Faktizität der Existenz sichtbar machen. Aber so war das Leben nun einmal nicht. Also wollte sie auch nicht unbedingt über Energiefelder und energetische Anziehungen und Manifestationen spekulieren. Spekulation blieb Spekulation und was ihnen vor den Kopf knallte, schmerzte! Und doch war es, wenn man es so sehen wollte, der Fall, dass genau das eintrat, wovor sie sich fürchtete: Sie fuhren westlich vom La Fini Reservat in den Süden, als eine Gruppe bewaffneter Männer, ihnen den Weg versperrte. «Denk an alles, was wir besprochen haben», zischte sie noch zu Ross und dann standen die Maschinengewehrläufe direkt rechts und links neben ihnen und ein Mann breitbeinig vor der Motorhaube. Plötzlich erschien ihm nichts unrealistischer als sich als Waffenhändler auszugeben. Aber das Sprechen und Ausgeben musste er ohnehin seiner Begleiterin überlassen. Hier konnte ihre Reise tödlich enden, vielleicht war genau das im Sinne des Planers, der, um seine Spuren besser zu verwischen, den Zufall mit ins Spiel einbezog. Aber sofort kam ihm auch der Gedanke, dass solche Gedanken Kurzschlüsse der Angst in solchen Situationen waren. Wer sollte sich so etwas planerisch ausdenken können? Ross hätte damit gerechnet, dass der Mann auf der Fahrerseite, sich mit Marianne Annieux unterhalten würde. Aber es kam anders: die Männer links und rechts deuteten wortlos nur mit den Maschinengewehrläufen an, dass die beiden aus dem Auto aussteigen sollten. Er wartete Mariannes Reaktion ab und tat ohne Zögern dasselbe. Sie öffnete die Tür und stieg aus. Er hätte eher auf eine Diskussion gesetzt, aber nichts war sinnvoller als sich auf Marianne zu verlassen. Allerdings war ihm sehr mulmig zumute, als er bemerkte, dass sie sofort in unterschiedliche Richtungen abgeführt und voneinander getrennt wurden. Als er zurückschauen wollte, stieß ihn sein Wächter grob mit dem Gewehrlauf an.

 

Diese Zwangspause in der abenteuerlichen Reise durch Kongo mit metaphysizierenden inneren Betrachtungen über kosmische Gesetze führte schier zwangsläufig mit innerer epischer Notwendigkeit zu der nun zu wiederholenden Folge 565, worin eine Hölderlin-Sentenz ihren Niederschlag fand.

«Kein Gott, kein König, kein Vaterland!», dachte der Theaterphilosoph, als er Hölderlins Zeilen las: «Es ist auch gut, und sogar die erste Bedingung alles Lebens und aller Organisation, daß keine Kraft monarchisch ist im Himmel und auf Erden. Die absolute Monarchie hebt sich überall selbst auf, denn sie ist objectlos; es hat auch im strengen Sinne niemals eine gegeben.» «Die „absolute Monarchie“ hebt sich in der „Objectlosigkeit“ auf – was für ein elegant dialektischer Gedanke! Aber was ist nun das Gegenteil, lieber Hölderlin, von „absoluter Monarchie“?», fragte er sich im inneren Dialog mit dem schwäbischen Dichter und erschrak zugleich über sich selbst mit der Frage: warum denke ich an Hölderlin? Der Theaterphilosoph! Was wissen wir über ihn? Was weiß er über sich? Wir können sagen, er sei der Avatar des Autors in diesem literarischen Spiel namens SOKRATES. Ein Roman mit Folgen, ein Serienroman in einer scheinbaren Endlosigkeit eines Lebens, wie jedes Leben endlos scheint und doch der Tod dem Ganzen ein Ende bereitet. Übrig bleibt ein Nachlass auf Papier, auf Festplatten und Datenträgern, zurück bleibt eine auszuräumende Wohnung, Müll, schmutzige Wäsche, ein unsortierter Kleiderschrank, in der Küche Reste von Einkäufen und ein paar Dinge, die zu Ende verwaltet werden müssen, bevor das Individuum in seiner Auflösung nach dem Haushalt dem Vergessen anheim gegeben werden kann. Der Lauf der Dinge. Und hier das Zeugnis eines Bemühens, sich dem entgegenzustellen, Widerstand zu leisten und existenziell sich aufzubäumen. Oder einfach nur ein Versuch in einem Vakuum zu überleben. Ein Hilferuf wird das nicht mehr. Die Hoffnung auf den Sieg gegen die Ignoranz, die Hoffnung auf Akzeptanz, Kommunikation und Entfaltung eines Künstlerlebens in einem Theater als Literat und Philosoph, als Experimentator im Engagement und voller Elan ist dahingefahren. Verflogen wie Spiritus im Wind. Leicht entflammbar und plötzlich in Nichts aufgelöst. Funkenlos. Da schrieb schon vor einiger Zeit jemand die Frage in Anonymität des Sozialen Netzwerks, das niemanden auffangen kann, sondern einfach stehen lässt tot oder lebendig: «Was ist ein Theaterphilosoph ohne Theater?» Und die Antwort müsste wahrscheinlich ehrlichkeitshalber lauten: Nichts! Menschen zwischen Establishment und Wagnis, Abenteuer, Revolution, Idealismus und Desillusionierung. Geist, Seele, Sehnsucht, Körper, etwas später oder auch früher, jedenfalls früher oder später: Trauer. Denke ich in Gedanken einer Zeit, in die ich mich nicht einmal gedanklich zurückversetzen kann? In Gedanken von einer Klasse von Menschen unter Zwängen, die ich nicht einmal im Leisesten erahnen kann? Was hat deren Geist gespenstisch bis in meine Zeit in mich hineingetragen? Warum bin ich ich und bin doch ein anderer mit Sympathien für „Klassiker“. Ich habe mich verloren und nehme die Zeilen eines Heidegger wahr: «In gleicher Weise seiend wie die nächste Bergkuppe ist der Mond… Seiend ist das Gemenge und Gedränge der Menschen auf einer belebten Straße. Seiend sind wir selbst… Seiend sind Hölderlins Hymnen. Seiend sind die Verbrecher. Seiend sind die Irren eines Irrenhauses.»

Folge 566

 

Als Ross zurückschauen wollte, stieß ihn sein Wächter grob mit dem Gewehrlauf an. Da spürte Ross eine Unsicherheit bei seinem Hintermann und eine Wut in sich, was ihn schlagartig handeln ließ, er drehte sich um 360° um seine eigene Achse und überwand zugleich den kurzen Abstand zu dem Mann mit dem Gewehr, dessen Lauf nun an Ross‘ Körper vorbei wies; er ergriff das Gewehr und warf den Mann über seinen Körper hinweg auf den Boden und überwältigte ihn mit einem Fausthieb auf seine Halsschlagader. Der zweite Wächter war in seiner Überraschung etwas panisch und zögerte zu schießen, weil er auch seinen Kameraden nicht treffen wollte. Diese panische Schrecksekunde kam Ross zu Hilfe, der den Abzug des entrissenen Gewehrs betätigte. Eine kurze Salve traf den zweiten Wächter, der seine Augen gen Himmel verdrehend zu Boden ging und in unwillkürliche Zuckungen verfiel. Der Wächter bei Marianne Annieux war durch die Schüsse aufgeschreckt und hielt inne. Er wartete ab. Die Inspektorin biss die Zähne zusammen, es schienen ihre letzten Sekunden am Leben zu sein. Ihr Schächer aber schoss nicht. Sie sahen einander fragend an. Jetzt erst begriff der Mann, dass er handeln musste, aber es war zu spät für ihn. Ross tauchte hinter ihm auf und durchschnitt seine Kehle mit dem Bajonett, was er dem anderen Mann abgenommen hatte. Die Inspektorin hatte weiche Knie, sie konnte es nicht fassen, dass der Vorposten der Rebellen überwältigt war. Alfred Ross sah sie fragend und triumphierend an. Die erste Gefahr war überstanden, was sollte nun geschehen? Schnell sammelte sie die Waffen und Munition ein, sie suchten nicht das Lager des Postens weiter ab; der Mann mit der durchschnittenen Kehle röchelte noch und verblutete sein Bewusstsein verlierend; sie hatten keine Zeit für humanitäre Gefühle, wandten sich schnell ab von den schwer Verletzten und brachten ihre Beute in ihr Auto. «Schnell, wir müssen weiter», sagte endlich Marianne Annieux und Ross schlug die Heckklappe wortlos zu. Sie nahm automatisch auf der Fahrerseite Platz, er ließ sie gewähren. Erst nach ein paar Minuten Fahrt durchbrachen sie das Schweigen. Die Bilder klebten noch an ihnen wie die Angst. Fast war es wie im Film; die Erleichterung aber und ein Siegesgefühl konnten sich nicht breit machen. Niemand genau wusste, was sie damit ausgelöst hatten. Am allerwenigsten wusste es Alfred Ross. Er hätte gerne einen Kommentar von ihr gehört; aber sie hatte etwas in ihrer Muttersprache gemurmelt und in einem in Tränen erstickenden hysterischen Lachen sich etwas Luft gemacht. Und er hatte nur laut geseufzt. Langsam wollte er gerne wieder eine gemeinsame Sprache finden. Sie raste so gut sie konnte über die holprige Strecke. Womöglich fuhren sie dem nächsten Posten schon direkt in die Fänge. Er versuchte pragmatisch zu sein. «Meinst du, wir treffen noch einen Posten?» «Meinst du, wir haben noch einmal so viel Glück?», fragte sie fast kreischend zurück. «Ich werde gleich anhalten! Dann holst du ein Gewehr zur Sicherheit heraus und setzt dich nach hinten.»

Als er sich mit dem Gewehr, so wie sie es wollte, auf dem Rücksitz platziert hatte, murmelte er: «Lieber sich wehren, als wie ein Lamm sterben!» «Um wie ein Lamm zu sterben, ist es nun zu spät», entgegnete sie. Endlich sprachen sie wieder miteinander. Aber er wollte den dünnen Gesprächsfaden nicht überstrapazieren. Erst nach einigen Kilometern fragte er: «Können wir auf Hilfe und Unterstützung von irgendwoher hoffen?» Wen hatte sie nur bei sich? Was war das für ein Mensch? Ein spezialausgebildeter Kämpfer? Ein Profi-Killer? Er hatte bei ihrem Beisein drei Rebellen umgebracht. Und nun fragte er sie, ob sie von irgendwoher Hilfe bekommen konnten? Sie musste die Eindrücke von soeben loswerden. Sie versuchte sich auf das Fahren zu konzentrieren.


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