Schweigejahre
Eine Rückschau
Meine Rückschauen machen mich betroffen, ich kann mich nicht daran gewöhnen, obwohl das Spiel seit einer gefühlten Ewigkeit anhält und sich kein Bißchen verändert hat: Wie schnell die Zeit vergeht! Ach, das habe ich angefangen und wollte es doch zügig zu Ende bringen. Eine Idee, ein Entwurf, eine Einleitung - wohnte diesem Anfang nicht auch ein Zauber inne? Der Beginn des SOKRATES-Romans macht eine Ausnahme und macht sie doch nicht. Am 02. Januar 2014 veröffentlichte ich die erste Folge des Romans - damit fing es an; ihm sollte auch ein Zauber innewohnen und doch war auch von vornherein klar: das ist eine (fast) never ending story! Ich hatte mir vorgenommen 360 Folgen zu schreiben und dann sollte der Roman seinen Abschluss finden. Er sollte ein Ende haben, wie jede ordentliche Geschichte ein Ende hat - Fragmente darf ein Kafka hinterlassen - ein Bülbül nie und nimmer: quod licet jovi, non licet bovi! weiß der Lateiner darauf zu sagen. Ich liebe diesen Spruch, einer der allerwenigsten, die ich mir aus dem Lateinunterricht gemerkt habe. Aber dann am 17. Februar 2015 meine Nachricht aus dem Büro: «SOKRATES - der kafkASKe Fortsetzungsroman wird ein Teil der ZERFAHRENHEIT». Damit war das Schicksal des Projekts besiegelt: es wird eine Never ending story.Es hatte eigentlich kein Jahr gedauert, bis ich merkte, ich komme von meiner Art zu schreiben nicht los. Ich muss ein Bekenntnis zu mir ablegen, ich muss meine romantisch-fragmentarische Ader annehmen. Wozu sollte ich ein Ende des SOKRATES-Romans anvisieren? Warum sollte ich das Ende nicht einfach mit ins Grab nehmen? In 400 Folgen habe ich es nicht geschafft, das Anliegen und Problem des Theaterphilosophen darzulegen, seine Situation zu schildern, seine Rolle im Theater und in der Gesellschaft und die Rolle des Theaters in der Stadt. Auch die anderen Figuren sind zwar angelegt, kaum eine aber wirklich ausgeführt. Philomena und Alice stehen noch am Anfang ihres Abenteuers in Casablanca, der Militärattaché ist nur kurz in Erscheinung getreten. Die vielen anderen geheimnisvollen Figuren wie zum Beispiel Ben @Gedankenkammer sind über eine Erwähnung kaum hinaus gekommen - da gibt es so viel Interessantes noch zu schreiben. Da werden auch keine weiteren 400 Folgen reichen. Die Ausmaße einer Dostojewskijschen Erzählweise sind erreicht - aber wie lautete mein lateinischer Sinnspruch? Nun wird er ganz plastisch verständlich: Ich habe nicht annähernd das Schreibtempo eines Dostojewskij! Von den Inhalten möchte ich gar nicht reden, aber so unehrgeizig in Sachen Philosophie bin ich nicht, dass ich es nicht gerne mit ihm aufnähme.
Mit Zahlen kann man literarische Qualität und Inhalte nicht messen - das ist klar. Aber über die Wahrscheinlichkeit des Umfangs können Zahlen sehr wohl etwas aussagen: in meiner besten Zeit schrieb ich eine Folge in drei Tagen. Zuvor eine Folge pro Woche und dann brach ich im Sommer 2018 arbeitsmoralisch zusammen und es entstanden bis Ende des Jahres keine Folgen mehr. 2019 ging es wieder bergauf mit mir und dem SOKRATES-Roman; nun aber habe ich ein weiteres Romanprojekt angefangen: das Hardenberg-Projekt. Auch dieses will ich keinesfalls vernachlässigen und im Nirwana enden lassen. Aber auch hier hinke ich meinem Zeitplan hinterher. Und doch entstehen demnächst zwei Folgen des SOKRATES-Romans und zwei bis vier Folgen des Hardenberg-Projektes. Die SOKRATES-Folge 401 ist auf ask.fm schon angekündigt - SOKRATES bekommt eine explizit biografische Komponente, weil 2019 das 10. Todesjahr meines Vaters war: Der Landvermesser Bülbül taucht im Hattinger Wald auf...
Der Hattinger Wald ist ein mysteriöser Raum, ein Dschungel, in dem Spuren versunkener Zivilisationen zu finden sind und worin sich das Raum-Zeit-Kontinuum aufhebt oder doch zumindest relativert. Er hat etwas von dem, was ich schon ganz früh in meinem Schreiben als den apeironalen Raum bezeichnet habe. Der Begriff ist der Philosophiegeschichte entlehnt, der Ausdruck stelle den Beginn der philosophischen Sprache in der Antike dar, da er als ein substantiviertes Adjektiv in den Duktus der Abstraktion übergeht. Es bezeichnet die Negation der Begrenztheit als das Unbegrenzte. Die einzelnen seienden Dinge schieden sich von diesem Unbegrenzten ab, worin man auch einen Sündenfall sehen kann, wenn man diese Linie zum Christentum weiterführen möchte. Die Einzeldinge sind die Grenze des Unbegrenzten. Der Vergleich mit dem Christentum wird nahegelegt durch die Verwendung des Begriffs der Schuld:
«Die bekannteste, mutmaßlich wortgetreue Überlieferung jenes Abschnitts aus dem Lehrgedicht Anaximanders, der das Apeiron als Anfang und Ende aller materiellen Phänomene zu bezeichnen scheint, wird dem Historiographen Simplikios zugeschrieben. Nach ihm lautete genannte Passage wie folgt:
„Anfang und Ende der seienden Dinge ist das Apeiron. Woraus ... den seienden Dingen das Werden, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.»
Der Hattinger Wald könnte sowohl ein Teil als auch der Vorhof des Apeiron sein; alles entsteht und vergeht aus dem Apeiron und durchläuft dabei den Hattinger Wald. Selbst als grenzenlos begriffen, begrenzen die aus ihm sich absondernden Einzeldinge das Apeiron vorläufig, um dann wieder sich darin aufzulösen. Die in SOKRATES vorhandenen Geister, die Spukgestalten wie auch die medial veranlagten wie zum Beispiel Ben @Gedankenkammer alias Puddingjoghurt (so die entsprechenden Ask.fm-Profile, die in den Roman einfließen und fiktionalisiert werden) führen den Roman zu einer surrealen mystischen Tonart. Ich tätige keine theologischen, kosmologischen oder sonstwelche Aussagen mit einem Wahrheitsanspruch über höchst spekulative Dinge. Ich will mit Vorstellungen, Aussagen und Spekulationen spielen, mögen die Dinge möglich oder unmöglich sein, wer vermag das letztendlich mit Gewissheit entscheiden?
Ich komme von den Phrasenjahren zu den Schweigejahren. Schon meine Auseinandersetzung mit dem Humboldtschen und etwas weiter gedacht mit dem klassischen deutschen Idealismus führte lediglich den im komatösen Schlaf liegenden Lemming in ein Labyrinth, das als rhizomatisch und apeironal beschrieben wurde und aus dem es eigentlich kein Entrinnen geben konnte, da seine Grenzen unauffindbar waren. Nun liegt Lemming auf der Intensivstation neben der verunglückten Johanna Metzger und die beiden könnten die Gelegenheit haben, sich im Hattinger Wald zu begegnen. Dort ist nicht nur Störtebeker mit seinen Gefährten, sondern auch Viktor Frankenstein in der schiefen Hütte, worin er mit für ihn neuen Methoden das Leben erforscht.
Ich will nicht zu viel verraten. Der Rückblick sollte nicht zum Spoilern übergehen. Die nächsten 400 Folgen werden jedenfalls höchst spannend - die ersten 400 fasse ich nun in einer überarbeiteten Auflage in einen Band und schreibe die nächsten Wochen, Monate und hoffentlich Jahre munter an neuen Folgen weiter.
Mein Vater
Nun ist mein Vater 10 einhalb Jahre tot. Ich habe mich mehr schlecht als recht ohne seine finanzielle Unterstützung durchs Leben geschlagen, habe nicht lange verzagt, obwohl es Momente der Verzagtheit gab. Ich wollte nicht, dass all seine Investitionen in mich in nichts versanden. Er hat an mich, an meine Talente, an meine Fähigkeiten geglaubt und mich so gefördert, wie selten ein Vater ein Kind fördert: bedingungslos auf dem Weg der Literatur und Philosophie. Ich selbst kann also ganz klar von mir als Vater sagen, dass ich nicht ein annähernd so guter Vater bin wie mein Vater einer war. Franz Kafka hatte sichtlich mehr Probleme mit seinem Vater als ich und versuchte sich damit auseinanderzusetzen. Es ist ebenso zu Literatur geronnen wie seine radikal gesellschaftskritische Haltung, von der seine Haltung dem Vater gegenüber schwerlich zu trennen ist.MALÜE und ich machten unser Kafka-Buch «Versuch!, Kafka neu zu denken» mit der Intention, den Finger auf den Punkt zu legen, der Kafkas gesellschaftskritisches Potenzial betont. Mein Vater war ein Pragmatiker - er mochte meinen gesellschaftskritischen Idealismus als solchen und schüttelte zugleich seinen Kopf darüber, wo dieser Opfer zu kosten drohte. Ein Klassenkamerad und mein früher Mentor hatte die provokante Formel: «Links denkt sich's, rechts lebt sich's besser, Bülbül!» Das teile ich nicht und mein Vater teilte das auch nicht, denn er lebte nicht rechts, sondern rechtschaffen, was zum Beispiel bedeutete, dass er lieber die Türkei verließ als sich dort völlig der Korruption im Kataster- und Grundbuchwesen hinzugeben. Aber einen groß angelegten Kampf hätte er nicht beginnen mögen - das hielt er für einen Kampf gegen Windmühlen und war doch der Meinung, dass jeder Mensch nur einmal lebt: wozu sollte er sich zum Martyrium hinreißen lassen?
Ich habe als sein Sohn meine Grenzen zwischen Idealismus und Martyrium anders gezogen - Verzicht auf Erfolge im Statussinne ist für mich kein Martyrium, sondern ein Stück weit Lebensgenuss in Freiheit. Für sich selbst nahm mein Vater keine großartigen Statussymbole in Anspruch, aber er glaubte an sie, er glaubte an gesellschaftliche Stellungen und politische oder sonstwie bestiegene Karriereleitern. Nun bin ich in einer Lebensphase, in der ich mich mit meinen Eltern auseinandersetzen will. Mein Schweigen über sie würde ihnen Unrecht tun, nun wird mein Schreiben über sie diese undankbare Rolle übernehmen.
Die «Phrasenjahre» sind jene Jahre der Phase meines gymnasial geprägten Idealismus. Dieser Idealismus und woher er rührt, wird heute im Bildungsdiskurs kaum thematisiert. Woran mag es liegen? Darüber nachzudenken, lohnt sich! Es gab Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre in der westdeutschen Gesellschaft eine Schülerbewegung. Und heute gibt es sie unter dem Thema des Umwelt- und Klimaschutzes wieder. Aus Umweltschutz und Friedensbewegung wurde Klimaschutz und das ist nicht inkonsequent, aber wo man von „Konsequenz“ spricht, setzt man stillschweigend Kontinuität voraus. Zwischen den beiden Phasen gibt es aber Schweigejahre, so dass man sich fragen sollte, ob das nicht auch für eine Diskontinuität steht.
Und was entsteht neu? Und was darf uns hoffen lassen? Wenn früher für eine gerechtere Zukunft eine Symbolfigur wie Lech Walesa und dann Michail Gorbatschow medial und diskursstrategisch kreiert wurden, so ist die Symbolfigur heute deutlich jünger, eben eine Schülerin und heißt Greta Thunberg. Was kann man von einem öffentlich getragenen Idealismus erwarten, der solcher Symbolfiguren bedarf? Auf die Schnelle wird sich die Frage nicht reflektieren lassen, aber angerissen darf sie schon mal sein.
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